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Kohlenstoffspeicher Wald - Eine Chance für die deutsche Forstwirtschaft?

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Autor (-en):
Martin Hillmann und Wolfram Zimmeck
Kontakt:
Zusendung am:
29.04.2005
Einstellung am:
30.04.2005
Dokumenttyp:
Beitrag für die Landwirtschaftskammer Hannover
Zusammenfassung:
Der Handel mit CO2-Zertifikaten hat bereits begonnen, aber die deutsche Forstwirtschaft ist von diesem Handel ausgeschlossen, obwohl die klimaverbessernden Wirkungen des Waldes unbestritten sind.

Der Artikel beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, die das Kyotoprotokoll zur Verringerung der CO2-Emissionen bietet, und wie diese in der EU und in Deutschland angewandt werden. Des weiteren wird auf die Wald-Holz-Option eingegangen und die Frage beantwortet, welche Gestaltungsmöglichkeiten land- und forstwirtschaftliche Betriebe zur Verbesserung der Kohlenstoffbilanz haben.
Ab dem Jahr 2005 wird der Handel mit sog. CO2-Zertifikaten zugelassen. Die deutsche Forstwirtschaft ist bei diesem Zertifikatshandel ausgeschlossen, obwohl die klimaverbessernden Wirkungen des Waldes unbestritten sind. Hat die deutsche Forstwirtschaft noch Möglichkeiten auf den Zug aufzuspringen?

Die Luft wird dünner

Die Kohlendioxid-Konzentration der Atmosphäre ist seit Beginn der Industrialisierung um rd. 30 % gestiegen. Zurückzuführen ist dies vor allem auf die Abgase aus der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl, sog. fossiler Energie. Eine Zunahme der Kohlendioxid-Konzentration und anderer Treibhausgase führt zu einer weiteren starken globalen Erwärmung.
Die Frage, ob der Mensch das Klima beeinflusst, kann heute mit - "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" - mit ja beantwortet werden. Dies ist keine absolute naturwissenschaftliche Sicherheit, muss aber genügen, um aktiv zu werden.
Schon heute sind die Auswirkungen eines möglichen Klimawandels statistisch eindeutig zu beschreiben. Abbildung 1 zeigt die Höhe der Schäden von Naturkatastrophen der Jahre 1950 bis 2003.
Die Münchener Rückversicherungsgesellschaft erfasst die weltweit entstehenden Schadensfälle: die Zahl der Schadensereignisse verdoppelte sich im Vergleich zu den 60er Jahren, die volkswirtschaftlichen Schäden versechsfachten sich in den letzten 10 Jahren; die der versicherten Schäden verzehnfachten sich. Eine Skepsis, die Passivität zur Folge hat, kann dazu führen, dass es bald keine auswählbaren Maßnahmen mehr gibt, sondern die Folgen zwangsläufig getragen werden müssen.
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Der Kyoto-Prozess und die Politik

Die geschilderten Zusammenhänge bewegten Politiker weltweit, einen Prozess zur Verringerung klimaschädlicher Gase einzuleiten. Das im japanischen Kyoto formulierte Klimaschutzprotokoll sieht vor, dass die knapp 40 größten Industrieländer der Erde bis 2012 ihren Treibhausgasausstoß um durchschnittlich 5,2 % im Vergleich zu den Werten von 1990 senken sollen. Es wird allerdings erst dann völkerrechtlich verbindlich, wenn 55 Nationen, die insgesamt für mindestens 55 % der Treibhausemissionen der Industrienationen verantwortlich sind, das Protokoll unterzeichnen. Russland hat jüngst seine Zustimmung signalisiert.
Deutschland hat sich verpflichtet, bis zum Zeitraum 2008-2012 sogar 21 % weniger klimaschädliche Gase zu produzieren als 1990.

Wie kann insbesondere der CO2-Ausstoß verringert werden? Das "Kyoto-Protokoll" nennt dazu drei grundsätzliche Mechanismen: Clean Development, Joint Implementation, Emission Trading. Was verbirgt sich hinter den Begriffen?
Im Rahmen der Clean Development-Maßnahmen (CDM) beteiligt sich ein Industrie- oder Übergangsstaat an Emissionsminderungsprojekten in einem Entwicklungsland und bekommt dafür Emissionsrechte gutgeschrieben.
Bei den Joint Implementation-Maßnahmen (JI) beteiligt sich ein Industrie- oder Übergangsstaat an Emissionsminderungsprojekten in einem anderen Industrie- oder Übergangsstaat und bekommt dafür Emissionsrechte gutgeschrieben. Emissionsrechte können aber auch im Rahmen des Emissionshandels (Emission Trading = ET) zwischen Ländern wie auch innerhalb eines Landes gehandelt werden. Für die zuletzt genannte Möglichkeit wird derzeit auf Ebene der EU bis 2005 ein innergemeinschaftliches System geschaffen, in dem CO2-Kontingente (Emissionsrechte) vermarktet - also verkauft und gekauft - werden können. Für die Entstehung solcher Kontingente gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden CO2-Emissionen von vorne herein vermieden (bzw. reduziert) oder sie werden in biologischen Senken (vor allem Wäldern) gebunden.
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Erst die Folgekonferenzen von Bonn und Marrakesch haben die Anrechenbarkeit von Waldsenken geregelt. Damit wurde die Möglichkeit geschaffen, dass Waldbesitzer CO2-Kontingente erwirtschaften und diese verkaufen können. Hierzu zählen Aufforstungen, aber auch weitere forstwirtschaftliche Maßnahmen (sog. Senkenprojekte).
Vor dem Hintergrund einer weiteren Zunahme der CO2-Emissionen seit 1990 ist verständlich, dass diese Regelung vielen Ländern entscheidend hilft. Diese Neuregelung ist besonders für waldreiche Länder ein wesentlicher Vorteil, denn sie hilft die im Kyotoprotokoll festgelegten Reduktionsziele einzuhalten. Länder mit riesigen Waldflächen wie Kanada und Russland dürfen nach neuen Berechnungen nun sogar ihre Emissionen deutlich erhöhen (Russland ca. + 4 %, Kanada ca. + 5 %). Die Klimaexperten und Umweltverbände kritisieren die Einrechnung der Wälder, da dadurch die im Kyotoprotokoll für die Industriestaaten festgelegten Reduktionsziele von über 5 % auf unter 2 % gedrückt werden. Dem ist entgegenzuhalten, dass ohne diesen Kompromiss eine Weiterführung des Kyotoprozesses mehr als unsicher gewesen wäre.

Die EU und auch die Bundesregierung haben sich der kritischen Argumentation angeschlossen: Im Europäischen Zertifikatehandel, in dem ab 2005 europäische Unternehmen mit ihren Emissionsberechtigungen handeln dürfen, sind Senkenprojekte ausgeschlossen.

Begründung:
  • Emissionen sollen über technische Maßnahmen dauerhaft gesenkt werden,
  • es gibt Probleme bei der Erhebung und Überwachung von Senken,
  • die Durchführung von Senken in Entwicklungsländern ist kostengünstiger,
  • Urwälder sollten nicht in CO2-Plantagen umgewandelt werden.
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Senken und Speichern (Wald-Holz-Option)

In den Wäldern Deutschlands sind etwa 2,5 Mrd. Tonnen Kohlenstoff gespeichert, mehr als die Hälfte davon im Waldboden. Das entspricht etwa der 10fachen Menge der jährlichen deutschen CO2-Emission aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Über die Photosynthese entziehen Pflanzen der Atmosphäre das emittierte CO2 und bauen es z. B. als Holzzuwachs (bei den Waldbäumen) in den Stamm ein. Man spricht von der CO2-Senkenfunktion des Waldes. Die Wälder Europas binden CO2 zur Zeit in einer Größenordnung von rd. 1.400 Mio. Tonnen⁄Jahr. Das entspricht etwa 20 % der jährlichen Emission durch Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Aufforstung, Management von Wäldern und nachhaltige Holznutzung stellen im Klimaschutz die bislang einzige kostengünstige Möglichkeit dar, bereits emittiertes CO2 der Atmosphäre über Photosynthese wieder zu entziehen.

Die Wald-Holz-Option

Fünf Ansätze können unterschieden werden
  • Bindung von Kohlenstoff (aus CO2) durch Aufforstung, Vorratsanreicherung in bestehenden Wäldern und Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme;
  • Schutz von Ökosystemen, v.a. von Wäldern und Mooren;
  • Zeitliche Verlängerung der Wald-Kohlenstoffspeicherung durch Holzprodukte;
  • Substitution fossiler Energieträger durch Holz;
  • Substitution energieaufwendig herzustellender Materialien durch Holz.
Da nicht der gesamte Holzzuwachs genutzt wurde, führte die nachhaltige und naturnahe Bewirtschaftung der Wälder in den vergangenen Jahrzehnten zu einem stetigen Holzvorratsaufbau. Diese zusätzliche Entlastung der Atmosphäre ist jedoch nur die eine Seite. Der größte Teil des Zuwachses wird jährlich geerntet. Das Holz wird zum Baustoff. Die Speicherwirkung des Waldes wird im hölzernen Produkt fortgesetzt.
Holz ist gespeicherte Sonnenenergie und kann zur Energieerzeugung verfeuert werden. Natürlich wird bei der Holzverbrennung gespeichertes CO2 wieder freigesetzt. So entstandenes Kohlendioxid unterscheidet sich jedoch fundamental von dem, das bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entsteht. Holz aus nachhaltigem Waldbau gibt nicht mehr Kohlendioxid ab, als gleichzeitig durch das Wachstum des Waldes wieder gebunden wird. Man spricht von einem kohlenstoffneutralen Prozess.
Wird Holz als Baustoff verwendet, ist zu seiner Bearbeitung viel weniger Energie aus fossilen Brennstoffen notwendig als bei der Herstellung von Beton, Stahl oder Aluminium. Man nennt das Emissionsvermeidung.
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Erhalten und Verbessern

Die land- und forstwirtschaftlichen Betriebe haben Gestaltungsmöglichkeiten, um die Kohlenstoffbilanz zu verbessern.
Die Erhaltung des Kohlenstoffspeichers Wald ist in Anbetracht der enormen Kohlenstoffmengen von besonderer Bedeutung für den Kohlenstoffhaushalt. Besonders Störungen wie Waldbrand, Windwurf, Käferbefall und Kahlschlag führen nicht nur zu einer starken Reduktion der oberirdischen Biomasse, sondern auch zu einer erhöhten Freisetzung des im Boden gebundenen Kohlenstoffs. So stellt die naturnahe, kahlschlagsfreie Waldwirtschaft unter besonderer Beachtung des Forstschutzes die wich­tigste Maßnahme zum Erhalt des Kohlenstoffspeichers dar.
Kohlenstoffbindung kann zusätzlich durch forstliche Maßnahmen erhöht werden. Aufforstungen landwirtschaftlich genutzter Böden wirken sich nachhaltig positiv auf die Kohlenstoffbilanz aus. Förderung strukturierter Bestände vermindern das Risiko von Störungen und erhöhen die Kohlenstoffbindung. Neben der Naturverjüngung können vor allem Voranbauten mit Laubholz (Nadelholz-Laubholzmischungen) das Potential langfristig heben. Durch eine Erhöhung des Totholzanteils in den Waldbeständen wird die Verweilzeit des gebunden CO2 verlängert. In diesem Zusammenhang ist die Erhaltung und Förderung von Waldschutzgebieten zu nennen.
Besondere Bedeutung im Rahmen der EEG (Gesetz für Erneuerbare Energien) bekommt die Biomasseproduktion auch im Energiewald. Dies sind Wälder, die im 3- bis 10jährigen Umtrieb genutzt werden und vornehmlich zur Energiegewinnung bewirtschaftet werden. Hier ist die Kohlenstoffbindung nur temporär aber durch den Ersatz können andere Energieträger wie Kohle, Erdöl oder Gas eingespart werden.
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Was können wir tun?

Die Umweltverbände und die Bundesregierung schließen einen Emissionshandel mit Waldsenken derzeit aus. Man interpretiert damit den Emissionshandel als einen Art Ablasshandel der moralisch bedenklich ist. Damit wird die sog. Wald-Holz-Option ausgeblendet. Hier kann der Waldbesitz mit seinen verschiedenen Organisationen politisch aktiv werden. Wenn es gewollt ist, mit Hilfe von Förderprogrammen tausende von Windrädern über die Bundesrepublik verteilt aufzustellen, sollte es politisch durchsetzbar sein, den Wald als CO2-Senke anzuerkennen.
Bei Finanzierungsmodellen für forstwirtschaftliche Maßnahmen sind neue Wege denkbar. Große Versicherungskonzerne und Banken wie die KFW-Bank haben sog. Klimafonds aufgelegt. Das Geld dieser Fonds wird im Ausland investiert, um dort Filteranlagen und klimafreundliche Produktionsprozesse zu verwirklichen. Warum investieren diese Fondgesellschaften nicht in Waldprojekte im Inland?
Als private Initiative hat sich der Verein "PrimaKlima - weltweit - e.V." etabliert. Der Verein realisiert mit finanzieller Unterstützung von Wirtschaftsunternehmen, Privathaushalten, Kommunen u. a. Aufforstungs- und Waldschutzmaßnahmen, um der Erhöhung der CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre entgegenzuwirken. So beteiligt sich "PrimaKlima" finanziell an Aufforstungsprojekten auch in Deutschland. Als Gegenleistung verlangt "PrimaKlima", dass die "kohlenstoffökologischen Effekte" einer Aufforstung an den Verein übergehen. Diese Initiative kann für Land- und Forstwirte durchaus interessant sein.
Die Energiegewinnung in Biomassekraftwerken wird von der Bundesregierung politisch und finanziell gefördert. Mancherorts haben sich bereits Bündnisse zwischen Land- und Forstwirten der Holzindustrie und Energieversorgern gebildet, um Biomassekraftwerke zu versorgen. Solche Zweckbündnisse sind weiter zu initiieren, wie auch die Standortfindung solcher Kraftwerke zu fördern ist.
Unbestritten ist der Schutz der verbliebenen Urwälder insbesondere in den tropischen und subtropischen Regionen der Erde. Ein genauso wichtiger Beitrag zum Klimaschutz ist die Wiederaufforstung der vielen Millionen Hektar vernichteten Waldes, die heute als Grassteppe in den genannten Regionen brach liegen. Deren Abholzung hat entscheidend zum Anstieg der Treibhausgase geführt. Der Rohstoff Holz ist auf Grund seiner Energiebilanz anderen Rohstoffen weit überlegen, kann nachhaltig produziert werden und dient im besonderen Maße dem Klimaschutz. Diese Wald-Holz-Option darf auch in Europa nicht vernachlässigt werden.

Will die deutsche Forstwirtschaft ihre Chance wahren, sich ihren Beitrag zum weltweiten Klimaschutz honorieren zu lassen, muss sie jetzt handeln. Neben politischen Initiativen auf Bund-Länder- und EU-Ebene sind immer auch lokale und regionale Ansätze zu verfolgen. Beispiele hierfür haben wir genannt.

Literatur

Hasenkamp, P. (2002): Nutzen & Kosten der Wald-Holz-Option. AFZ-Der Wald 8⁄2002, Seite 383 bis 385
Häger, U. und Jaehne, Dr. S. (2004): Das Geschäft mit dem CO2 - eine Chance für die Forstwirtschaft? DFV-Journal 02⁄2004, Seite 1 bis 4
Pistorius, T. (2004): Von Senken und Speichern. Politische Ökologie Nr. 89, Seite 32 bis 34
Burschel, P. und Weber, M. (2000): Wald - Holz - Treibhaus. Stiftung Wald in Not. 1. Auflage 2000, Seite 3 bis 11
Münchener Rück, München (2004), über Internet unter » www.munichre.de


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