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Die Rolle der Forstwirtschaft in der Klimaschutzstrategie für das 21. Jahrhundert

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Autor (-en):
Michael Seiler, DEMO Project, CarboEurope-IP
TLWJF Gotha
Kontakt:
Einstellung am:
02.03.2005
Dokumenttyp:
Projektbeitrag
Zusammenfassung:
Aufforstungen und gezieltes Waldmanagement bieten eine hervorragende und kostengünstige Möglichkeit CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, langfristig zu binden und später produktiv zu nutzen. Welche Möglichkeiten bietet das Kyotoprotokoll und wie werden sie in Deutschland und der EU umgesetzt?
Großartige Visionen kursieren derzeit in den Wissenschaftsbeiträgen der Zeitungen und Zeitschriften. Schon bald, so die Kohlelobby, wird es Kraftwerke geben, die die Kohle emissionsfrei verstromen können.
So wird zum Beispiel versucht, dass Kohlendioxid nach der Verbrennung aus den Rauchgasen auszuwaschen, ähnlich wie es auch bei der Entschwefelung praktiziert wird. Ein von oben in das Rauchgas geschüttetes chemisches Reinigungsmittel verbindet sich mit dem CO2.
Wenn man statt Luft reinen Sauerstoff zur Verbrennung einsetzt, entsteht als Abgas fast nur Wasserdampf und CO2, die durch einfaches Abkühlen zu trennen sind. Jedoch muss dafür unter hohem Energieaufwand reiner Sauerstoff hergestellt werden.
Ein dritter Ansatz funktioniert nur mit gasförmigem Brennstoff: Dazu muss die Kohle erst in Synthesegas umgewandelt werden. Das Kohlendioxid wird noch vor dem Verfeuern aus dem Brenngas abgeschieden.
Allerdings senkt die CO2-Abscheidung den Wirkungsgrad der Kraftwerke um mindestens zehn Prozentpunkte. Zurzeit werden die Kosten für das Abtrennen und Einlagern einer Tonne Kohlendioxid mit 40 - 85 Euro veranschlagt. Bis jetzt ist noch keines der beschriebenen Verfahren einsatzbereit und es besteht weiterhin enormer Forschungsbedarf.

Höchstwahrscheinlich ist es aber den Entscheidungsträgern bei RWE & Co bisher verborgen geblieben, dass es bereits ein äußerst effizientes System zur CO2-Abscheidung gibt - das im Übrigen auch schon über mehrere Millionen Jahre erprobt wurde.
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Der Hinweis, dass die terrestrische Biosphäre, insbesondere der Wald, das effizienteste System zur CO2-Abscheidung ist, kam aber nicht von Seiten der Forstwirtschaft, sondern in einer bundesweiten Pressemitteilung (April ´04) von der Fachgruppe Umweltchemie und Ökotoxikologie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh).

Die durchschnittlichen Kosten, um einen Hektar aufzuforsten, liegen, einschließlich Pflege und der Kosten für Verwaltung, zwischen 3.500 - 5.000 €.
Der aktuelle Kohlenstoffvorrat des Waldes beträgt in Thüringen auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erhebungen 197 t Kohlenstoff je Hektar.
197 t Kohlenstoff entsprechen etwa 721 t CO2. Die Speicherung einer Tonne CO2 kostet somit zwischen ca. 5 - 7 €. Im Vergleich dazu wäre der rein technischen Lösungsansatz um das Acht- bis Zwölffache teurer. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass diese Kohlenstoffakkumulation in mehreren Jahrzehnten erfolgt und nicht in wenigen Jahren zu erreichen ist. Gleichzeitig wird das CO2 aber nicht wie Sondermüll deponiert, sondern es wird produktiv genutzt.

Sämtliche CO2-Emissionen mittels Aufforstungen kompensieren zu wollen, ist aufgrund des enormen Flächenbedarfs utopisch. Daher können Aufforstungen nur ein Beitrag zur Reduzierung des CO2 in der Atmosphäre sein.
Allerdings wird von den 18.500.000 t CO2, die jährlich in Thüringen emittiert werden, etwas mehr als 1⁄4 allein durch den Zuwachs der vorhandenen Wälder in Thüringen gebunden.

Da das Klima weltweit wirkt ist es vollkommen belanglos, wo das CO2 gebunden wird. Aufforstungsprojekte könnten somit, neben den bisherigen Bedeutungen wie Bekämpfung der Wüstenbildung und Erosionsschutz, auch verstärkt zur Reduzierung des Treibhauseffektes beitragen.
Mittel- bis langfristig wäre mit einer solchen Strategie zudem eine beträchtlich erhöhte Produktion von Biomasse verbunden. Einerseits wird so zunehmend ein Übergang in eine Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern ermöglicht. Diese könnten dann deutlicher als bisher die Produktion von CO2 aus fossilen Energieträgern vermindern helfen. Andererseits gelingt dadurch eine zusätzliche Reduktion der CO2-Emissionen (Materialsubstitution). Darüber hinaus könnten mit Erlösen aus dem Holzverkauf neue Einnahmequellen für die örtliche Bevölkerung erschlossen werden.
Die Signale der Bundesregierung und der EU hinsichtlich der Anerkennung von Aufforstungsprojekten als Senken in Entwicklungsländern stimmen allerdings wenig zuversichtlich.
Als gemeinsam mit Entwicklungsländern durchgeführte Projekte (Clean Development Mechanism) sollen nur Maßnahmen in Frage kommen, die echte Emissionsminderungen zur Folge haben, d.h. keine Senken. Unter CDM sollen insbesondere Projekte zum Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien, zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Förderung nachfrageseitiger Managementmaßnahmen im Energiesektor angerechnet werden. Dabei ist die EU bemüht, den Wirtschaftsraum Europa durch den Export innovativer Ideen und Technik zu stärken. Projekte im Zusammenhang mit einer Nutzung der Kernenergie sowie Aufforstungsprojekte werden bis 2008 für den europäischen Emissionshandel ausdrücklich ausgenommen.
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Diese für die Forstwirtschaft negative Entscheidung resultiert aber auch aus der Sorge, dass die Senkenleistungen in Wäldern nicht überprüfbar sind. Inzwischen wurden für die Biomasse Verifikationsmechanismen entwickelt.
Das Hauptproblem liegt aber tiefer und ist direkt im Kyoto-Protokoll begründet. Während es einige Länder gab, die sich dafür aussprachen Senken und bestehende Kohlenstoffvorräte aus Land- und Forstwirtschaft sowie Aufforstungen und Wiederbewaldung einzubeziehen, hatten Andere (z.B. Deutschland) die Sorge, dadurch die Reduktionsverpflichtungen für Emission aus fossilen Brennstoffen zu verwässern. Somit kam es zu der Entscheidung, dass "die bloße Existenz von Kohlenstoffvorräten nicht anrechenbar sei", sondern nur Aufforstungen, Wiederaufforstungen und CO2-optimierte Bewirtschaftungsmaßnahmen in einem sehr geringen Umfang (für Deutschland 15%).

Im Rückblick auf die bisherige Rolle der Forstwirtschaft im Kyoto-Prozess liegt die Vermutung nah, dass auch weiterhin deren Bedeutung unterschätzt bzw. vollständig ignoriert wird.
Es muss bezweifelt werden, ob selbst unter Forstleuten die Bedeutung der nachhaltigen Waldbewirtschaftung auf die CO2-Speicherfähigkeit und der fortgesetzten Kohlenstoffanreicherung des Waldes bekannt ist. Laut Untersuchungen des Max-Planck-Institutes für BGC in Jena in sieben Thüringer Forstämtern gehen 63 % der Speicherfähigkeit auf nicht vom Menschen beeinflussbare Prozesse, wie zum Beispiel Düngeeffekte aus der Luft (CO2, N2) oder Altersklasseneffekte beim Waldwachstum, zurück. Der Rest, also 37 %, resultiert aus der Managemententscheidung des Forstfachmannes.

Quellen:

  1. Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. (2004): Pressemitteilung vom 28.04.2004.
  2. Technology Review: Ab in den Untergrund. Heft 9⁄2004.
    (online als Zusammenfassung unter » www.heise.de (Abruf am 02.03.2005; 13:30 Uhr)

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