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Delphireport: Die Zukunft der Waldnutzung in Deutschland

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Autor (-en):
Tobias Mickler, Siegfried Behrendt, Lorenz Erdmann, Michael Knoll, Johannes Rupp (Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gGmbH - IZT)
Ulrich Schraml, Roderich von Detten, Antje Wurz (Universität Freiburg, Institut für Forst- und Umweltpolitik)
Kontakt:
e-mail an » s.behrendt(at)izt.de
Zusendung am:
18.11.2008
Einstellung am:
30.11.2008
Dokumenttyp:
Ergebnisse einer Expertenbefragung zur Entwicklung von Wald, Forstwirtschaft und Landnutzung im Rahmen des Projektes "Zukünfte und Visionen Wald 2100: Langfristige Perspektiven von Wald und Landnutzung, Entwicklungsdynamiken, normative Grundhaltungen und Governance"; BMBF-Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft", "Wald heute und in Zukunft – Szenarien und Visionen"
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt "Zukünfte und Visionen Wald 2100" stellt sich der Aufgabe, langfristige Entwicklungen und Handlungsoptionen aufzuzeigen, denn der Wald und die Forstwirtschaft stehen vor tiefgreifenden Veränderungen. Das Projekt will die Debatte um die Zukunft von Wald und Landnutzung mit einem Zeithorizont bis 2100 anregen und das Problembewusstsein aller Beteiligten schärfen. Im Rahmen des Projektes "Zukünfte und Visionen Wald 2100" haben das IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung und das Institut für Forst- und Umweltpolitik der Universität Freiburg zwischen November 2007 und März 2008 eine Befragung unter Fachexperten aus der Forst- und Holzwirtschaft, der Waldforschung, Verbänden und Verwaltungen durchgeführt. 640 Experten haben einen Blick in die Zukunft gewagt und dabei ihr Know-how und ihre Erfahrungen in das Projekt eingebracht. Hiermit liegt die erste breit angelegte Delphi-Befragung zu neuen Möglichkeiten und Perspektiven von Wald und Landnutzung in Deutschland vor. Die Delphi-Studie wurde als zweistufige Befragung durchgeführt, wobei die zweite Runde auf der ersten Runde aufbaute:

1. Runde: Schriftliche Befragung von 640 Experten im November 2007
2. Runde: Schriftliche Befragung von 399 Experten im Februar 2008
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Die hohe Beteiligung an beiden Befragungsrunden dokumentiert das große Interesse an der Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen innerhalb der Waldwirtschaft. Aufgrund der Auswahl der Teilnehmer stellen die Ergebnisse eine Binnenperspektive der Wald- und Forstbranche auf die zukünftigen Entwicklungen dar. Die befragten Akteursgruppen schätzen die aufgezeigten Ent wicklungen z. T. sehr unterschiedlich ein, so werden vor allem zwischen Vertretern des Naturschutzes und der Holzwirtschaft sowie privaten Forstbetrieben deutliche Diskrepanzen sichtbar, die zu Interessenskonflikten führen können und die strategischen Ausrichtungen beeinflussen. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse beider Befragungsrunden zusammengefasst dargestellt.

Nachfrage nach dem Rohstoff Holz, Globalisierung der Holzmärkte und Klimawandel sind die zentralen Herausforderungen bis 2020

Nach Einschätzung der Experten werden drei Herausforderungen die Wald- und Forstwirtschaft bis zum Jahr 2020 bestimmen: die Nachfrage nach dem Rohstoff Holz, die Globalisierung der Holzmärkte und der Klimawandel. Die Nachfrage nach dem Rohstoff Holz stellt dabei die größte Herausforderung für die Wald- und Forstwirtschaft dar. Für 99 % der Befragten gewinnt dieser Faktor stark an Bedeutung, wobei 72 % sogar von einer deutlichen Zunahme ausgehen. Die Globalisierung der Holzmärkte, die die deutsche Wald- und Fortwirtschaft umfassend verändern wird, ist ebenfalls für fast alle Antwortenden eine wichtige Zukunfts- und Gestaltungsaufgabe. Mit Blick auf den Klimawandel urteilen 93% der Befragungsteilnehmer, dass die Bedeutung dieses Faktors zunimmt, 56% sind der Meinung, dass er deutlich zunimmt.

Geeignete Strategien und Steuerungsmöglichkeiten der Forstwirtschaft

In der 1. Runde der Delphi-Befragung wurde die Relevanz verschiedener Strategien und Konzepte für die Forstwirtschaft im Umgang mit den genannten Herausforderungen erfragt. Beim Waldbau wird die Reduzierung der Wildbestände und die Förderung von Strukturreichtum und Artenvielfalt - klassische Strategien der Forstwirtschaft - am relevantesten eingeschätzt. Ein zunehmend disku tiertes Thema ist der Anbau nicht-heimischer Arten. Die Befragten stufen diese Strat egie mit rund 70% als geeignet ein. Der Anbau von gentechnischen Pflanzen wird von den befragten Experten dagegen selten eingeschätzt. Unter den Betriebsstrategien werden Kommunikations- und Marketingmaßnahmen sowie neue Kooperationsformen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder besonders hoch eingestuft. Hier spiegelt sich der Übergang der Forstwirtschaft von einem angebots- zu einem nachfrageorientierten Markt wider. Werden die von den Experten als geeignet eingestuften Strategien und Konzepte den wichtigsten zukünftigen Herausforderungen gegenübergestellt, stellt sich die Frage, inwieweit diese Strategien tatsächlich geeignet sind, um den dominanten Herausforderungen Nachfrage nach dem Rohstoff Holz, Globalisierung der Holzmärkte und Klimawandel zu begegnen.

Während in der 1. Befragungsrunde klassische Strategien als besonders geeignet eingestuft wurden, zeigt sich in der in der 2. Befragungsrunde ein differenzierteres und reflektiertes Bild der Strategien hinsichtlich zukünftiger Herausforderungen. Diesmal wurden gezielt Steuerungsmöglichkeiten zur Bewertung gestellt, mit denen die Forstwirtschaft den drei zentralen Herausforderungen Nachfrage nach dem Rohstoff Holz, Globalisierung der Holzmärkte und Klimawandel begegnen könnte. Insgesamt sehen die Experten erhebliche Steuerungserfordernisse auf die Forstwirtschaft zukommen. Um der steigenden Nachfrage nach Holz gerecht zu werden wollen die Befragten die Mobilisierung ungenutzter bzw. unternutzter Potentiale sowie die Zertifizierung von Import-Holz vorantreiben. Im Umgang mit der Globalisierung setzen die meisten Experten auf die Kooperation mit anderen Forstbetrieben bei der Produktion oder Vermarktung und auf Forstsektor übergreifende Netzwerkstrukturen. Auch der Technologie-Transfer im Forstsektor spielt eine gewichtige Rolle. Dem Klimawandel wollen die meisten Befragten mit einem aktiven Risikomanagement und integrativen Waldbaukonzepten entgegentreten.

Ökonomische Interessen setzen sich durch, aber ökologische Funktionen sollen stärker gefördert werden

Die Waldbewirtschaftung ist darauf ausgerichtet, multifunktional wirtschaftliche, ökologische und soziale Leistungen gleichzeitig zu erbringen. Auf die Frage, welche Interessen sich in der Waldpolitik bis 2020 eher durchsetzen werden, geben rund 60% der Befragten ökonomische Interessen an. Dass sich ökologische oder gesellschaftliche Interessen eher durchsetzen werden, schätzen nur 15% bzw. 13%. Bei der anschließenden Frage, welche Funktionen zukünftig stärker gefördert werden sollten, befürworten rund 40% eine stärkere Unterstützung ökologischer Funktionen. Jeweils ein Viertel sehen in der Förderung ökonomischer und gesellschaftlicher Funktionen des Waldes einen Bedarf. Die unterschiedliche Bewertung beider Fragen macht deutlich, dass die Befragungsteilnehmer die Gefahr einer zu starken ökonomischen Ausrichtung sehen, da ökologischen Funktionen stärker gefördert werden sollten. Diese Diskrepanz zwischen den Erwartungen und den Erfordernissen aus Sicht der Fachleute deutet möglicherweise auf zukünftige Zielkonflikte hin und zeigt den Bedarf nach einer neuen Auffassung der multifunktionalen Waldwirtschaft.
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SCHLUSSFOLGERUNGEN:

Zwölf Thesen zur Entwicklung von Wald und Landnutzung

Die Delphi-Methode ist bei der Befragung "Waldzukünfte 2100" mit dem Ziel angewandt worden, die Ansichten einer Expertengruppe aus der Wald- und Forstbranche über die Zukunft des Waldes zu erheben. Für diese Befragung konnte ein großer Kreis von Teilnehmern gewonnen werden, so dass die erste breit angelegte Delphi-Befragung zu zentralen Zukunftsfragen, Entwicklungen und Steuerungserfordernissen, denen die Wald- und Forstwirtschaft gegenübersteht, vorliegt. Aus den Befragungsergebnissen lassen sich zwölf Thesen ableiten.

1. Die Multifunktionalität des Waldes wird neu austariert und sich zugunsten wirtschaftlicher Akzente verschieben

Etwa 60 Prozent der Befragten geht von einer stärkeren Ökonomisierung zu Lasten ökologischer und gesellschaftlicher Interessen der Wald- und Forstwirtschaft bis zum Jahr 2020 aus. Um dieser Herausforderung zu begegnen, befürworten die Experten eine stärkere Förderung ökologischer Funktionen durch die Waldpolitik.

2. Die Waldfunktionen werden 2050 nicht mehr integrativ auf der Fläche, sondern differenziert auf verschiedenen Flächen bereitgestellt

Rund zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass sich die Nutzung der Waldflächen bis 2050 nach Funktionen stark ausdifferenziert haben wird. Die Segregation könnte eine Lösung darstellen, die simultan bestehenden, gleichwohl divergierenden Anforderungen an die wirtschaftliche Nutzung des Waldes, die Bewahrung seiner Erholungsfunktion und die Ausweisung von Schutzwäldern zu befriedigen. Allerdings bezweifeln mehr als die Hälfte der Befragten, dass sich segregative Ansätze mit dem Ziel einer multifunktionalen Waldwirtschaft vereinbaren lassen.

3. Steigende Nutzungsintensitäten führen zur Übernutzung des Waldes

Um die Nachfrage nach Holz befriedigen zu können, erwarten die Experten steigende Nutzungsintensitäten in Form einer temporären Übernutzung des Nachhaltigkeitshiebssatzes sowie des Abbaus von Holzvorratsreserven. Diese Entwicklung wird auch zur Aufweichung internationaler Nachhaltigkeitsstandards führen.

4. Wald- und Forstwirtschaft sind vom Klimawandel erheblich betroffen, aber noch nicht ausreichend vorbereitet

Der Klimawandel ist eine der zentralen Herausforderungen für die Forstwirtschaft in diesem Jahrhundert. Durch Störereignisse wie Windwurf und Dürre, die durch Klimaveränderungen verstärkt werden, sehen die Experten die ökologische Leistungsfähigkeit des Waldes gefährdet. Erheblicher Steuerungsbedarf besteht für sie in einem aktiven Risikomanagement und integrativen Waldbaukonzepten, z. B. durch die Förderung von Strukturreichtum und Artenvielfalt.

5. Die Grenzen zwischen Land- und Forstwirtschaft werden teilweise aufgelöst

Knapp zwei Drittel der Experten gehen nicht davon aus, dass im Jahr 2050 bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen in erheblichem Umfang aufgeforstet werden. Dagegen wird die Anlage von Schnellwuchsplantagen auf minderwertigen landwirtschaftlichen Flächen stattfinden. Auch die temporäre Nutzung von nach Sturmschäden gelichteten Waldflächen für Kurzumtriebsplantagen erwartet fast jeder Zweite.

6. Waldbesitzverhältnisse verändern sich bis 2050 und führen zu neuen Strategien der Rohstoffbeschaffung der Holzindustrie

Die Eigentums- und Verfügungsrechte für Wald in Deutschland werden sich langfristig verändern. So erwartet die Mehrheit der befragten Experten, dass bis 2050 holzverarbeitende Unternehmen in großem Umfang "Holz auf dem Stock" sowie Waldflächen in großem Stil erworben haben werden, um den Zugang zu Holzressourcen zu erleichtern und zu sichern.
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7. Aufgrund der zunehmenden Mechanisierung und Automatisierung werden Wald- und Forstwirtschaft zum High-Tech-Sektor

Große Einigkeit herrscht bei den Befragten hinsichtlich der Nutzung IT-gestützter Logistik zur effizienteren Nutzung der Ressource Holz. Der Trend der Mechanisierung, der sich bereits heute abzeichnet, wird sich fortsetzen und verstärken. Insbesondere um die zu erwartenden Mengenströme zukünftig effizienter, z. B. mit Hilfe logistischer Lösungen zu managen, ist eine tiefere Durchdringung des Forstsektors mit neuen Technologien erforderlich.

8. Die Waldstruktur wird sich bis 2100 ändern

Die heutige Baumartenzusammensetzung wird sich bis 2100 ändern: Das Verhältnis zwischen Nadelbäumen und Laubbäumen wird sich weiter zugunsten der Laubbäume verschieben (Buche plus 4%, Eiche plus 2%). Die Fichte verliert gegenüber dem Referenzjahr 2002 deutliche Anteile (minus 11%), die Kiefer geringer (minus 4%), wohingegen die trockenresistentere Douglasie deutlich zulegt (plus 9%). Diese Einschätzung der Befragten korrespondiert mit Forderungen von Klimaexperten zur Anpassung der Waldwirtschaft an den Klimawandel und zum aktiven Risikomanagement, z. B. in Form eines naturnahen Wald(um)baus.

9. Die genetische Vielfalt in Waldökosystemen wird abnehmen

Jeder Zweite der Befragten erwartet, dass die genetische Vielfalt in Waldökosystemen bis 2050 abnehmen wird. Für das Jahr 2100 fordern aber viele eine Steigerung der Biodiversität, um die Wälder widerstandsfähiger zu machen, vor allem gegenüber Klimaveränderungen.

10. Die Eignung von Gentechnik im Waldbau wird mit Skepsis erwartet

Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wird von über 80% der Antwortenden für eine ungeeignete Waldbaustrategie gehalten. Trotzdem erwartet mehr als jeder Dritte den verstärkten Einsatz von Gentechnik im Jahr 2050.

11. Der Forstsektor muss sich aufgrund der fortschreitenden Globalisierung der Holzmärkte und steigenden Nachfragentwicklungen mit anderen Branchen vernetzen

Zur Bewältigung der Herausforderungen einer zunehmenden Globalisierung der Holzmärkte setzen die Experten auf Kooperationen mit anderen Forstbetrieben bei der Produktion und Vermarktung von Holz sowie auf die verstärkte vertikale Integration in die Wertschöpfungskette Forst und Holz.

12. Gesellschaftliches Engagement und Zahlungsbereitschaft für das öffentliche Gut Wald sind in Ansätzen erkennbar

Für mehr als zwei Drittel der Befragten wird der Wald als Erholungs - und Freizeitraum noch an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig geht nur eine Minderheit davon aus, dass freiwilliges Engagement und Zahlungsbereitschaft hierfür einen nennenswerten Beitrag leisten. Die Überwindung der Diskrepanz zwischen hoher Wertschätzung des Waldes in der Bevölkerung und niedrigem finanziellen und gesellschaftlichen Engagement für den Wald bildet nach Auffassung der Befragten eine dauerhafte Zukunftsaufgabe.


Die gesamte Studie steht Ihnen hier als pdf-Datei (0,5 MB) als Download zur Verfügung:
» Delphireport: Die Zukunft der Waldnutzung in Deutschland (pdf-Datei)
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Eine ausführliche Beschreibung des Verbundprojektes "Zukünfte und Visionen Wald 2100" finden Sie in der Rubrik "Projekte⁄Deutschland" unter:
» Das Verbundprojekt "Zukünfte und Visionen Wald 2100".


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